Was brauche ich, um Gefühle aushalten zu können?

Logbucheintrag #1025112025


Hey ihr da draußen,

Bei mir ist es gerade mal 06:48 und alles schläft noch. Ich liebe diese Stille…

Ich war gerade dabei, einen Post für Instagram zu erstellen, da kam mir die Idee, dass das aber auch ein sehr gutes Thema für einen neuen Logbucheintrag wäre.

Es geht um das Thema Beruhigen, Regulieren, Krisen aushalten.

Und, dass es in diesen Situationen unerlässlich ist, die hochkommenden Emotionen auszuhalten, die Gefühle zu spüren und „einfach“ (haha, wenns einfach wäre, würden wir Menschen es ja ned versuchen, zu vermeiden) durch den Körper durchfließen zu lassen. 

Und während ich gerade über Neuroplastizität schreibe und darüber, dass auch unser Nervensystem lernt, sich neu zu formen und mehr Toleranz dadurch aufbauen kann, kam mir wieder ein Thema in den Sinn, das so unglaublich präsent ist.

Warum fiel es mir damals so schwer, diese Intensität meiner Gefühle auszuhalten? Nicht nur, weil ich körperlich nicht in der Lage war, mich zu beruhigen und zu regulieren.

Ich erinnere mich noch an Zeiten, da wusste ich, okay, jetzt weine ich, das dauert jetzt ne ganze Weile. Da kam kein Stopp, oder ich wusste nicht, wie ich es hätte stoppen können, weil es zu dieser Zeit der einzige Regulierungsmechanismus war, den ich kannte.

Aber was das Schlimme war, war diese Angst. Und im Laufe meiner Heilungsphase habe ich herausbekommen, dass diese Angst daher kam, dass ich mich nicht sicher fühlte.

Bis zu diesem Zeitpunkt meiner Erkenntnis, und ich war da bestimmt schon 34, habe ich mich noch nie in meinem Leben wirklich sicher gefühlt. Die einzige Situation, die mir damals in den Kopf kam, in der ich mich wohl und behütet gefühlt habe, war in einem Hundezwinger mit einer Hundemama und ihren Welpen, als ich vielleicht 6 Jahre alt war.

Und wir tun immer alle so taff auf der Erde. Ich weiß nicht, ob du das schon mal beobachtet hast, aber die Menschen hier tun grad so, als wären sie alle die geborenen Krieger. Wenn ich mich dann aber mit ihnen unterhalte, stellt sich oftmals heraus, dass das nur Fassade ist. Tief in sich haben viele Angst vor potenziellen Bedrohungen.

Und dann spricht wieder, wie sooft, wenns echt wichtige Themen sind, kaum einer drüber, etwas, das wir alle brauchen und so wenige von uns haben.

Sicherheit.

Wir brauchen Sicherheit. Auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Aber wir wollen und wir müssen uns sicher fühlen.

Und nur, wenn wir uns sicher fühlen, sind wir in der Lage, auszuhalten und zu fühlen. Denn in diesen Momenten machen wir uns angreifbar und verletzlich. Demjenigen gegenüber, der es mitbekommt. Und uns selbst gegenüber, weil wir in diesen Momenten nichts tun können, außer aushalten, zulassen und fühlen. Gegen einen Tiger oder den drängelnden Chef können wir dann gerade nicht „kämpfen“. 

Diese Erkenntnis war sooooo augenöffnend und horizonterweiternd.

Da ich ja stets und ständig dachte, die nächste Bedrohung wartet nur darauf, mich zu schnappen, hatte ich nun endlich etwas gefunden, womit ich arbeiten konnte.

Ich versicherte mir also selbst, dass ich in Sicherheit war. Jeden Tag, anfangs bestimmt 100 Mal. Und ich begann, mich in den unterschiedlichsten Situationen zu fragen, was denn gerade die vermeintliche Gefahr wäre. Ich benannte die Bedrohung und das, was schlimmstenfalls passieren könnte.

Und zickedizack, begann ich, immer mehr Sicherheit im Alltag zu entwickeln und,

mein Nervensystem begann, sich zu beruhigen, weil 1. weniger neue Stressfaktoren dazu kamen und 2. weil ich durch diese Sicherheit Raum geschaffen habe, meine Gefühle zu spüren. Noch nicht auszudrücken, das kommt danach. Erst kommt das spüren. Bei mir zumindest. 

Mein nervliches Toleranzfenster wurde dadurch immer größer. Ich lernte, mich zu beruhigen und zu regulieren. Etwas, was der Mensch bestenfalls im Kindesalter lernen sollte, durch seine Bezugspersonen.

Aber, wie schon erwähnt, wir wachsen hier nicht alle so auf, dass wir die Basics schon in den Kinderschuhen lernen. Manche, so wie ich, lernen das erst im Laufe ihres Erwachsenenseins und das ist völlig okay so.

Denkt nicht, nur weil ein Erdling schon körperlich ausgewachsen ist, würde er innerlich nicht mehr weiterwachsen. Ooooh doch, das hört auch nie auf. 

Naja, auf jeden Fall gehört Ausrasten hier total dazu. Jedes Elternteil eines 1 1/2 -bis 6- jährigen Kindes kennt die Nervenzusammenbrüche, weil wir die Bettdecke falsch hingelegt oder den Gurt vom Kinderwagen nicht in der richtigen Reihenfolge zugemacht haben. Oder weil der Tee die falsche Farbe hat. 

Der Grund des Auslösers ist egal und manchmal auch wirklich banal und unwichtig. Er hat lediglich das Fass zum Überlaufen gebracht und unser neuroplastisches, muskuläres und wahrscheinlich auch das Verstands- Toleranzfester sind erschöpft.

Unsere Nerven müssen sich entladen, unsere Muskeln müssen sich entspannen, unser Gehirn muss sich auskotzen. Es muss raus. Raus raus raus, weil es für eine gewisse Zeitspanne zu viel an rein gab.

Und dann hast du als Kind im besten Fall einen Erwachsenen an deiner Seite, der dich hält, der dich aushält, der bei dir ist, egal wie ekelhaft du dich gerade verhältst, und der dich und andere vor Schaden beschützt.

In diesen Momenten lernen wir Menschen, dass wir in Sicherheit sind. Wir sind in allergrößter Not, unser Organismus kann grade nicht für unsere Sicherheit sorgen, aber jemand anders macht das für uns.

Und unser Nervensystem bekommt Zeit, sich auszublitzen. Unser Gehirn darf sich leer schreien oder weinen. Unser Körper darf die angestaute Energie rauslassen, wir dürfen toben, hauen, treten, die Energie in einem geschützten und gestützten Rahmen rauslassen.

Diese Erfahrung hatte ich als Kind nie, daher durfte ich das als Erwachsene und Mama von 3 Kindern erleben.

Was, zugegebenermaßen etwas komplizierter war, und ich musste meine „Ausbrüche“ auch etwas aufteilen. 

Aber das ist das Faszinierende hier auf der Erde. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Und siehe da, ich bekam die Zeit dafür eingeräumt. Ich hatte abends ein paar Stunden alleine und ich hatte sehr früh morgens ein paar Stunden alleine. 

Okay, ich muss mich kurz sammeln, weil ich vergessen habe, was das Kernthema heute ist :)

Heute kein Suchbild. Heute ein Bild, dass die Augen entspannt und die Nerven beruhigt. Wasser erdet und beruhigt mich total.

So, back on track.

Und durch diesen Raum, den ich mir selbst gegeben hatte, durch diese Sicherheit, die ich mir gab, hatte ich auf einmal auch die Kapazität, meine Energie einfach auszuhalten. Und da ist es auch egal, ob ich mich freue oder traurig bin.

Wenn du, so wie ich, nie die Möglichkeit hattest, mit Emotionen wertfrei umzugehen, dann fühlen sich irgendwann alle bedrohlich an. Denn Empfindung ist Empfindung. Erst mein Gehirn übersetzt mir, ob es eine gute oder eine schlechte ist.

Und ich wurde wegen aller emotionalen Regungen beurteilt und bewertet. Das verändert dein Denken, deine Verknüpfungen im Gehirn, sodass irgendwann alle Arten von Empfindungen zu intensiv, zu potentiell bedrohlich für dich sind.

Deshalb durfte ich erstmal lernen, wieder zu fühlen. Ich durfte mir beweisen, dass mir nichts passiert, wenn ich fühle. Und ich durfte mir beweisen, dass ich niemanden dabei brauche, wenn ich fühle. Ich kann das alleine halten, aushalten, regulieren, bewerten und akzeptieren.

Das ist nämlich der nächste Schritt, den wir biologisch erreichen, wenn wir als Kleinkinder co-reguliert wurden. Heißt, wenn jemand an unserer Seite war, der uns mit Worten und Gesten vorgelebt hat, wie wir uns gerade fühlen und was wir mit diesen Gefühlen machen können.

Du kannst ja als 3-jähriger noch nicht sagen, dass dich die Eindrücke überfordert haben. Du merkst, dass die Mama ihre Tage hat und daher etwas angespannt ist, der Papa so abwesend, weil er einen Kundentermin vorbereiten muss und die Lara im Kindergarten hat auch schlechte Laune, weil sich ihre Eltern trennen.

Kannst du nicht, du kannst nur sagen, stoooooppp. Pause. 

Wenn du dann selbst Kinder hast und zuvor diese Erfahrungen nicht sammeln konntest, dann bist du total hilflos in solchen Situationen. Du leidest mit, du fühlst dich irgendwann getriggert und wirst auch böse, du glaubst, du hast etwas falsch gemacht. 

Nein. Das gehört zum Menschsein dazu. So wie Müdigkeit uns signalisiert, dass wir eine Pause brauchen, signalisiert uns unser Körper auch mit Gereiztheit, Genervt-Snein (in den Wörter steckt’s ja schon drin, um was es geht. Nerven, gereizt), Ungeduld, Unkonzentriertheit, dass es zu viel ist. Es geht nichts mehr rein. Pause. Und der breakdown ist dann die Schranke, die runterfährt und den Parkplatz schließt. Keine Besucher mehr, Kapazität erschöpft.

Finden wir alle unangenehm, obwohl wir es alle kennen. Aber funktionieren zu müssen, ist hier total angesagt. Keine Ahnung, wie das vor 100 Jahren war, aber seit meine Oma gelebt hat, ist es an der Tagesordnung, dass du funktionierst und deine Leistung bringst.

Deshalb beschweren sich jetzt gerade so viele aus der Wirtschaft, dass die jüngeren Generationen (ab meinem Alter *grins*) nicht mehr so arbeitswillig sind, wie die davor.

Lustig, ne. So ein Ungleichgewicht zeigt sich eben immer auf den unterschiedlichsten Ebenen. In größerem und kleinerem Rahmen. 

Wir Eltern beginnen, die Kinder bedürfnisorientierter zu begleiten, wir erlauben uns, immer mehr zu fühlen und lernen, wie wir innerlich reifen und das nachholen, was wir als Kinder generationenlang nicht lernen konnten, und die Arbeitswelt muss sich anpassen.

Du kannst eben nur eine gewisse Zeit lang etwas gegen natürliche und biologische Prozesse und Abläufe erzwingen. Aber früher oder später reguliert sich alles. Ob unsere innere oder unsere äußere Welt.

Ein spannender Prozess, der gerade erst begonnen hat. Mal sehen, was wir in ein paar Jahren zu diesen Themen noch Neues rausgefunden haben. Ich werde darüber berichten.

Liebe Grüße, ich gönn mir jetzt ein bisschen Bewegung und frische Luft,

Nadine 

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