Warum gehe ich immer vom Schlimmsten aus, selbst wenn in der Realität nichts passiert?

Logbucheintrag #1406012026

Hey, ihr da draußen,

Heute erzähle ich darüber, wie es sich als Mensch so anfühlt, wenn man dauerhaft auf der Lauer liegt. Viele von uns kennen das Gefühl, dass unser Verstand immer wieder die schlimmsten Szenarien durchspielt oder dass wir bei der Erinnerung an manche Situationen total verspannen und innerhalb von Sekunden schlechte Laune bekommen können. 

Wir fühlen uns dann innerlich ständig auf Alarmbereitschaft, obwohl objektiv betrachtet nichts Gefährliches zu passieren scheint. Dieses „Phänomen“ ist weder verrückt noch übertrieben, sondern wie alles, was unser menschlicher Körper tut, sehr sinnvoll. Es ist eine natürliche Schutzreaktion. 

Gefahrenantizipation ist eher eine Schutzstrategie, als ein Denkfehler oder eine Schwäche.

In Stresssituationen, bei Unsicherheit oder ungeklärten Gefühlen, neigen wir dazu, innerlich Alarm zu schlagen. Wir denken dann an die schlimmsten Eventualitäten, auch wenn die Realität anders aussehen mag. Diese Funktionen nennen wir hier auf der Erde Gefahrenantizipation, eigentlich Katastrophisieren, aber das finde ich irgendwie so abwertend. Wie wenn jemand zu mir sag: „jetzt stell dich doch nicht so an“ oder „du brauchst doch keine Angst haben.“ Als ob ich das nicht abstellen würde, wenn ich es könnte.

Doch, warum passiert das? Darauf werde ich gleich ausführlicher eingehen. Aber zuerst möchte ich dich einladen, falls du diese Erfahrung als Mensch hier machen solltest, dein Denken und Empfinden in diesen Momenten nicht zu bekämpfen, sondern versuche einfach nur, zu beobachten, was du gerade denkst und fühlst, und dann versuche, es zu verstehen. 

Warum denke ich das? Warum fühle ich mich denn jetzt so? Und, was bräuchte ich jetzt, um mich besser zu fühlen?

Denn, wenn wir verstehen, warum unser Gehirn funktioniert, wie es eben funktioniert, und weshalb unser Körper reagiert, wie er eben reagiert, können wir Schritt für Schritt lernen, mit diesem inneren Alarm besser umzugehen und dadurch mehr Sicherheit und Ruhe in unser Leben etablieren. Unsere Kontrolle und Macht liegt nicht darin, dass wir uns oder unser Denken und Empfinden in solchen Momenten ablehnen oder negieren, der Schlüssel liegt darin zu erkennen, dass wir die Kontrolle und Macht über uns und unsere Gedanken haben, wenn wir beides verstehen.

Etwas genauer erklärt:

Unser Gehirn ist unter anderem dafür zuständig, Alarmsituationen frühzeitig zu erkennen, diesen Bereich nennen wir die Amygdala, dieser Bereich ist u.a. für die Erkennung von Gefahr zuständig ist. In bedrohlichen Situationen, egal ob real oder nur in unserer Vorstellung, wird die Amygdala aktiv und löst eine Alarmreaktion aus. Mit dem übergeordneten Ziel, unser Überleben sicherzustellen.

Im präfrontalen Cortex, dem Bereich der für Vernunft und Planung zuständig ist, kann diese Warnungen nur kontrollieren und einordnen, wenn wir entspannt sind. Bei chronischem Stress oder Überforderung jedoch übernimmt die Amygdala das Kommando und wir geraten in einen Zustand erhöhter Wachsamkeit und Besorgnis. Weil das Abwägen der (potentiellen) Gefahr aktuell nicht möglich ist, da wir bei Dauerbelastung gleichzeitig in einem inneren Alarmzustand sind, da wir zu wenig Pausen haben, die unserem Organismus signalisieren, dass alles in Ordnung ist, dass wir in Sicherheit sind. 

Deshalb ist klares Denken unter Stress nicht mehr verfügbar. 

Unser menschlicher Körper ist darauf ausgelegt, auf Belastung schnell zu reagieren. Wenn Stress jedoch nicht nur kurzzeitig und situativ, sondern dauerhaft Bestandteil unseres Alltags sind, stellt sich unser kompletter Fokus um. 

In solchen Phasen produziert der Körper vermehrt Stresshormone, denn diese sorgen dafür, dass das Gehirn stärker auf mögliche Gefahren achtet und unser Körper schneller mit Flucht oder Kampf reagieren kann. Und Bereiche im Gehirn, die für Planung, Abwägung und bewusste Entscheidungen zuständig sind, treten dabei in den Hintergrund. Er ist ja in Gefahrensituationen nicht notwendig. Wenn der Alligator auf mich zuschwimmt, muss ich nicht planen, ob ich eher locker auf dem Rücken wegpaddle oder ob ich den kürzesten Weg Richtung Rettung nehme, ist doch klar. Ich paddle gemütlich von Dannen :) 

Stattdessen übernimmt der Teil unseres Gehirns, der für Sicherheit und schnelle Reaktionen verantwortlich ist. 

Und das hat zur Folge, dass unser Denken und Empfinden „enger“ und schneller und sicherheitsorientierter wird. 

Der Wunsch nach Kontrolle, Rückzug, Grübeln oder ständige Wachsamkeit sind in diesem Zustand keine Fehlfunktionen, sondern Versuche unseres Organismus, Stabilität und Sicherheit wieder herzustellen. 

Veränderung oder Wachstum und Verbesserung sind unter diesen Umständen kaum möglich. Nicht, weil uns Einsicht oder Disziplin fehlen würden, sondern weil unsere biologischen Voraussetzungen für reflektiertes Denken situationsbedingt eingeschränkt sind. 

Denn diese Alarmbereitschaft ist eigentlich nur für kurze Zeit gedacht, nicht als Dauerzustand. Da er zum einen sehr viel Energie kostet und zum anderen den natürlichen Fluss und die Balance des Lebens blockiert. Für die Dauer der Gefahr eben. 

Wir geben unser Bestes, in der jeweiligen Situation. Aber wenn wir unter Daueranspannung oder -stress leben, dann geht eben nichts anderes. Das frisst unsere komplette Energie auf.

Erst wenn sich unser Inneres, wenn wir uns wieder sicher und entspannter fühlen, wird differenziertes Denken wieder zugänglich und eine Neuordnung und -ausrichtung wird wieder möglich. Und zwar nicht durch Anstrengung oder Zwang, sondern als natürliche Reaktion auf Entlastung und Entspannung. 

Gefahrenantizipation ist keine „Fehlfunktion“. Sie ist eine Überlebensstrategie, die uns in der Vergangenheit geschützt hat.

Das Problem entsteht, wenn unser Empfinden überaktiv wird, etwa durch:

  • Unsichere Bindungen in der Kindheit

  • Chronischen Stress und Dauerbelastung

  • Fehlende Regulierungsmöglichkeiten des Körpers

Warum Positivdenken allein nicht hilft

Das blinde Verdrängen von Angstgedanken und -gefühlen oder das forcierte Positivdenken löst ja unser Grundproblem, die Ursache, nicht. Es führt meist eher zu noch mehr Widerstand oder innerer Ablehnung uns selbst oder dem Leben gegenüber. Meiner Erfahrung nach ist es besser und erfolgsversprechender, den Mechanismus der Gefahrenantizipation zu verstehen und zu integrieren und dabei innerlich zu reifen.

Wann fühlen wir uns sicher, was brauchen wir dafür?

Also zuerst kommt für mich, dass mir erst mal bewusst wird, dass ich ein Mensch bin, der oft vom Schlimmsten ausgeht, auch wenn noch gar nichts passiert ist. 

Das fällt einem vielleicht auf, wenn wir uns mit anderen austauschen und feststellen, dass sie gar nicht so vorsichtig vorgehen, wie man selbst. Oder, wenn eine potentiell bedrohliche Situation gut verlaufen ist und wir merken, dass wir uns im Vorhinein viel zu viele Gedanken gemacht haben. Dann sind wir uns dessen bewusst, dass wir in diesen Lebensbereichen etwas kompensieren und kontrollieren, was vielleicht gar nicht nötig wäre. 

Und wenn ich also wie in meinem Fall jemand bin, der zum einen in einem unsicheren Umfeld groß geworden ist, weil z.B. finanzielle Sorgen ein fester Bestandteil meines Alltags waren, ebenso wie unsichere emotionale Bindungen, und gleichzeitig oft unter Schuldzuweisungen gelitten hat, dann schau ich mir genau diese Themen in meinem Leben etwas genauer und reflektierter an. 

Das wären in meinem Beispiel Lebensbereiche, denen ich eher negativ gegenüberstehe und die in mir größere Unsicherheit auslösen können. 

Und Sicherheit entsteht nicht nur im Gehirn, sondern vor allem in unseren Körpern. Und ein ruhiger, entspannter Körper hilft wiederum, unser Gehirn zu beruhigen. 

Nichts funktioniert getrennt bei uns. Das bedeutet, um wirklich eine nachhaltige Verbesserung zu erzielen, müssen wir sowohl unseren Körper beruhigen (durch Atemübungen, achtsame Bewegungen, bewusste Pausen, nichts tun, Musik hören, Malen) als auch unserem Denken eine Pause schenken. Eine Pause von zielorientiertem, ernstem, gefährlichem Denken. 

Unser Gehirn will denken, das macht es auch pausenlos und wir müssen entscheiden, was wir denken. Es geht nicht darum, nichts mehr zu denken, sondern ruhiger zu denken. Nicht mehr in Dauerschleife ständig das Gleiche zu denken. Leichter zu denken, flexibler und mit mehr Abstand beobachten zu lernen. 

Destruktive Denk- oder Verhaltensmuster heißen deshalb destruktiv, weil sie auf Lange Sicht zerstörend sind. 

Es waren mal stabilisierende Anpassungsreaktionen und -strategien, diese Anpassung dauert jetzt aber einfach schon zu lange. Es geht nun darum, herauszufinden, mit welcher Art der Anpassung ich mich noch/wieder wohlfühle. 

Wenn ich zu mir selbst sage, dass ich ein Versager bin, dass ich nicht liebenswürdig bin, dass ich zu chaotisch bin, dann zerstöre ich dabei mich selbst. Mein Selbstachtung und mein Selbstwertgefühl. 

Warum denken wir dann überhaupt so? Wahrscheinlich hat in der Vergangenheit jemand genau diese Worte zu uns gesagt oder wir fühlten uns durch die Art, wie wir behandelt wurden, genau so: nicht liebenswürdig, zu chaotisch, zu laut, zu viel. 

Und wahrscheinlich war das auch noch jemand, der sehr wichtig für uns war. Jemand aus unserer Kindheit, von dessen Wohlwollen wir abhängig waren. Jemand bei der Arbeit, dem gegenüber wir auf die eine oder andere Art Abhängigkeiten haben. 

Oder jemand, dem wir gegenüber wir uns als verletzlich gezeigt haben, dem wir Gefühle gegenüber hatten. Und wenn so jemand so abwertend über uns spricht, glauben wir das in Momenten der Schwäche. Und um weiterhin in unserem Umfeld leben zu können, passen wir uns an. Mit allem. Auch mit dem Denken über uns selbst. Und dann sind wir 5 Jahre alt und denken, wir wären ein nerviger, aufmüpfiger Fratz. Muss ja stimmen, wenn die Mama das sagt, und selbst wenns nicht stimmt, ich muss es ja glauben, sonst handle ich mir noch mehr Ärger ein. 

Oder wenn du in der Schule zum 17x eine 4- bekommst, dann glaubst du irgendwann, dass du dumm oder faul bist.

Wer kommt denn in diesen Situationen auf die Idee und hinterfragt, ob das einfach nur nicht zu mir passt und ich deshalb so schlecht darin bin? Nein, wir beginnen stattdessen meistens, Schutzmechanismen zu entwickeln, damit wir dieser Scham und dem Schmerz nicht mehr so leicht ausgeliefert sind. Wir passen unsere Lebensstrategien einem Umfeld an, in das wir vielleicht gar nicht (mehr) passen. 

Bitte doch mal einen Fisch im Pferdestall zu schlafen. Schafft er ned. Ist jetzt der Fisch dumm, weil er sich nicht anpassen konnte? Er wollte ja nicht sterben, der hat das schon versucht, ging aber halt anatomisch nicht.

So ist das bei uns auch. Wenn wir beginnen, destruktive Denkmuster oder Verhaltensmuster zu benutzen, dann, weil wir uns anpassen und versuchen, in unserem Umfeld klarzukommen. Geht aber halt nur ne Zeit lang, dann kommen wir uns wie der Fisch im Pferdestall vor und glauben, keine Luft mehr zu bekommen. 

Und wir sind dann nicht schwach und wir waren davor auch nicht schwach oder falsch. Nein. Wir geben immer unser Bestes, das, was im jeweiligen Moment möglich ist und was notwendig ist, um überleben zu können. 

Und so wie alles im Leben dynamisch und zyklisch ist, so auch diese Muster. Eines Tages passen sie nicht mehr. Eines Tages können und wollen wir uns nicht mehr so sehr anpassen und verbiegen, dass wir im gleichen Umfeld bleiben können. Wir ziehen dann wieder in den See, weg vom Pferdestall. Wir wollen nicht mehr ängstlich sein oder immer auf der Lauer liegen. Denn wir realisieren, dass unser Leben viel zu kostbar ist, um es auf diese Weise zu verschwenden. 

Und wenn wir etwas verändern wollen, z.B., nicht immer in Dauer-Alarmbereitschaft zu sein, ist es viel leichter gesagt, als getan. Es klappt nicht, dass wir uns sagen: „Ich glaub schon, dass alles gut wird. Ich habe Vertrauen in mich und das Leben.“ Diese beiden Sätze sind wichtige Helfer, aber wenn wir kein Vertrauen haben, wenn wir uns unsicher fühlen, dann nutzt es auch nichts, wenn wir uns das selbst sagen. Wir belügen uns ja dann wieder. 

Deshalb finde ich es so unglaublich hilfreich, zu wissen, welche Bedürfnisse wir Menschen haben, und mir diese, bei mir selbst oder bei anderen, immer wieder ins Gedächtnis zu rufen und zu schauen, ob denn das jeweilige Problem damit zusammenhängt, dass ein Bedürfnis grade nicht erfüllt ist.

Bei Gefahrenantizipation (also wenn wir eine Bedrohung oder Gefahr erwarten oder wahrnehmen, oft auch bevor sie real eintritt) sind typischerweise folgende Grundbedürfnisse nicht erfüllt oder sogar bedroht:

1. (innerer) Sicherheit

  • Das zentrale Bedürfnis, das bei Gefahrenantizipation leidet.

2. Selbstwirksamkeit 

4. Verbundenheit oder soziale Nähe

Wenn du dich näher mit deiner inneren Sicherheit oder deinen Bedürfnissen auseinandersetzen möchtest, lade dir den aredro Bedürfnis-Ratgeber runter. Dort geht es noch detaillierter um genau diese Themen.

Warum ist das wichtig?

Gefahrenantizipation ist eine adaptive Reaktion unseres Nervensystems, die uns schützt. Sie ist also eine Antwort auf unerfüllte Grundbedürfnisse. 

Wenn wir diese Bedürfnisse verstehen und gezielt fördern (z.B. durch Sicherheit schaffen, Vertrauen aufbauen, Autonomie stärken), kann sich das Nervensystem entspannen, und wir können langfristig besser mit Stress und Angst umgehen. Und genau darum geht es. Stressige Situationen können wir nicht ganz vermeiden, ebenso wenig wie eventuelle Gefahr. Aber wir können zum einen widerstandsfähiger werden und zum anderen neue Erfahrungen sammeln, die uns mehr Vertrauen ins Leben schenken und uns innerlich reifen lassen. 

Unser Sein will uns immer schützen. Die Frage ist nicht, wie du Angst oder Sorgen ausblendest, sondern wie du mit deinem inneren Alarmsystem in Kontakt kommst und es regulieren lernst.

    1. Wann merke ich besonders, dass mein Kopf Alarm schlägt?

    2. Welche körperlichen Signale bekomme ich dann?

    3. Was könnte mir helfen, mich sicherer zu fühlen?

Wenn du mehr Übungen haben möchtest, die dich dabei unterstützen, weniger Gefahr, dafür mehr Freude und Sicherheit in deinem Leben zu spüren, dann schau doch mal auf meiner Website vorbei. Vielleicht ist dort etwas Passendes für dich. 

Du findest Tools, die dich in diesen Situationen unterstützen, sodass Trigger weniger Macht haben, weil dein Unterbewusstsein im Allgemeinen ruhiger wird. Deine Emotionen aufgeräumter und dein Körper entspannter. 

Im nächsten Logbucheintrag geht es um Verantwortung und warum manche Menschen zu viel davon tragen.


Mini-Übung (ähnliche Übungen findest du in diesem e-Book): 3-Minuten-Anker zur inneren Sicherheit

  1. Setze oder lege dich bequem hin.

  2. Schließe die Augen (wenn du magst).

  3. Atme tief und ruhig durch die Nase ein (4 Sekunden), halte den Atem kurz (2 Sekunden),
    und atme langsam durch den Mund aus (6 Sekunden).

  4. Wiederhole den Atemrhythmus 6-mal.

  5. Während du atmest, spüre bewusst, wie dein Körper den Kontakt mit dem Boden oder Stuhl hält.

  6. Wenn Gedanken kommen, nimm sie wahr, aber kehre sanft mit deiner Aufmerksamkeit zur Atmung zurück.

Also im Hinterkopf behalten: dass Leben auf der Erde kann sich unter den unpassenden Bedingungen sehr bedrohlich anfühlen und auch sein, aber mit den richtigen Hilfsmitteln können wir Erdlinge hier auch ein Leben in Sicherheit und voller Freude erleben. 


LG NaDDi

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